Lydia L.

(in english below)

Lydia L., selbständige Marktbeschickerin

Ich bin vor 2 Jahren wieder in die Heimat gezogen, denn ich hatte Ende ´88 „rüber gemacht“, nach West-Berlin. Es ergab sich so und ich bin wieder dort in Hamburg, wo ich früher schon lebte, Schanze/Altona-Altstadt/St.Pauli und alles lief bestens. Und dann: Fuck Covid-19!

Ich hatte Daniel Kellerkinds Spendenaufruf gelesen, habe auf dem Markt Lebensmittel gesammelt und sie in den Elbschlosskeller gebracht, wenige Tage nach dem ersten Total-Lockdown.  Irgendwie wurde ich dann zu einem der Helfer des werwennnichtwir-Teams. 4 Monate lang habe ich dort jede freie Minute verbracht. Was soll´s! Es musste eben sein. Es war kräftezehrend, aber ich habe dort viele tolle Leute kennengelernt. Und die Solidarität der St. Paulianer ist mit nichts zu vergleichen, was ich jemals vorher erlebt habe. Ich erlebte ich mit, wie die Wirte sich bemüht haben die „Hygienekonzepte“ umzusetzen. Tolle kreative Leistungen! Als alles wieder „einigermaßen“ lief, —Zack— SPEERSTUNDE am Wochenende. Und nochmal 2 Wochen später erneut Berufsverbot für alle. DAS kann nicht sein. Diese Maßnahmen sind nicht gerechtfertigt, wahllos und katastrophal!

Allen machen diese neuen Maßnahmen zu schaffen. Vielleicht konnten wir die Schockstarre nur mit Aktionismus überwinden, denn wir haben kurzerhand eine echte Schnapsidee aufgegriffen und losgelegt, die Mahnwache für den Kiez war geboren. Nix ist schlimmer als nix tun! Wo alle Demos am gleichen Tag verpuffen, wir bleiben hier und machen eine Mahnwache 24/7…Open End.
Und – wider aller Erwartungen – brennt auf dem Spielbudenplatz, an unserem Zelt, Licht. Während ich dies schreibe, seit 1.000 Stunden und gerade wechselt jemand einen anderen ab.

Wenn ich in Berlin Besuch hatte, staunten die Hamburger, wie weitläufig wir im Laufe einer Nacht die Clubs abgeklappert haben. Auf meine Frage, wo geht ihr so hin zum feiern, hieß es, in die Schanze oder auf den Kiez.

Jedem Hamburger muss klar sein: wir reden hier nicht von Einzelschicksalen und viele kennen jemanden, der nicht arbeiten kann oder haben selbst mal hier gearbeitet. Jedem muss klar sein, dass mit dem Kiez auch ein Stück Lebensqualität der Hamburger kaputt geht. Wo wollt ihr noch hingehen zum feiern? Und deshalb wünsche ich mir, dass auch mehr Kiezgänger an unserer Mahnwache für dem Kiez teilnehmen und Solidarität zeigen. Friert mit uns, damit Euer Kiez mein Kiez, unser Kiez überlebt!

Lydia L., independent store feeder

I moved back home two years ago because I “made it over” to West Berlin at the end of ’88. It happened that way and I’m back in Hamburg, where I used to live, Schanze / Altona-Altstadt / St.Pauli and everything went very well. And then: Fuck Covid-19!

I had read Daniel Kellerkind’s appeal for donations, collected food at the market and brought it to the Elbschlosskeller, a few days after the first total lockdown. Then somehow I became one of the helpers of the werwennnichtwir team. I spent every free minute there for 4 months. What the hell! It just had to be. It was exhausting, but I met a lot of great people there. And the solidarity of the St. Paulians cannot be compared with anything I have ever experienced before. I saw how the landlords tried to implement the “hygiene concepts”. Great creative achievements! When everything went “reasonably” again, — Zack — SPEERSTUNDE on the weekend. And again two weeks later, everyone was again banned from working. That can not be. These measures are unjustified, indiscriminate and catastrophic!

These new measures are troubling everyone. Perhaps we could only overcome the paralysis of shock with actionism, because we picked up a real crazy idea and got started, the vigil for the neighborhood was born. Nothing is worse than doing nothing! Where all demos fizzle out on the same day, we stay here and do a vigil 24/7 … Open End. And – contrary to all expectations – there is a light on on the Spielbudenplatz, on our tent. As of this writing, it has been 1,000 hours and someone is taking turns changing.

Whenever I visited Berlin, the people of Hamburg were amazed at how extensive we had toured the clubs in the course of one night. When I asked where are you going to party, I was told to go to the Schanze or the Kiez.

Every hamburger must be clear: we are not talking about individual fates and many know someone who cannot work or have worked here themselves. It has to be clear to everyone that with the Kiez a piece of the quality of life in Hamburg is also deteriorating. Where else do you want to go to celebrate? And that’s why I hope that more people from the neighborhood will also take part in our vigil for the neighborhood and show solidarity. Freeze with us, so that your neighborhood, my neighborhood, our neighborhood, survives!